„Wissenschaftler“, allgemein eine Bezeichnung für einen Beruf, bei dem es um die Produktion von wahren Aussagen geht. 1. Im engsten Sinn alle Mitglieder des Wissenschaftssystems mit einem wissenschaftlichen Beschäftigungsverhältnis (formeller Bedeutungsgehalt). 2.  Im weiteren Sinn all jene Mitarbeiter von Organisationen (Universitäten, Betrieben), die tatsächlich – nicht nur rein formal – wesentlich einer wissenschaftlichen Tätigkeit nachgehen. 3. Im weitesten Sinn all jene Personen, die – ganz gleich mit welcher institutionellen Bindung – auch (nicht nur!) eine Rolle als Wissenschaffende mit Regelmäßigkeit ausfüllen (materieller Bedeutungsgehalt). 4. Wissenschaftler heute: Es fallen Wissenschaftler im formellen und materiellen Bedeutungsgehalt zunehmend auseinander. Während im Wissenschaftssystem immer weniger Wissenschaftler im materiellen Sinn arbeiten, gibt es immer mehr wissenschaftliche Erkenntnis außerhalb des Wissenschaftssystem, gar außerhalb klassischer wissensproduzierender nicht-universitärer Organisationen (insb. auch Unternehmen) (siehe auch: Bürgerwissenschaft). Darüber hinaus typologisch mit dem ‚Arbeitskraftunternehmer‘ eng verwandt sind freiberufliche W. Ursache für diese Deinstitutionalisierung der Wissensproduktion sind schematische, knappe und elegante Kenngrößen zur Bewertung der Leistung von W. (Impact-Faktoren, Peer-Review-Verfahren, wissenschaftliches Antragswesen, Drittmittelprojekte), die ihrerseits den Charakter und Gehalt wissenschaftlicher Operationen und Innovation verkennen (vgl. Thomas Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen). Aufklärung über diesen Sachverhalt böte vor allem die Wissenschaftssoziologie, daneben die Erkenntnistheorie und die Technik-, Ideen- sowie Wissenschaftsgeschichte. Sie alle gehören nunmehr – anders als von den Altvorderen der europäischen Universität in aufklärerischer Absicht gewünscht – nicht mehr zum Propädeutikum von selbst diesen Disziplinen naheliegenden Fächern (siehe auch: Student). Symptomatisch ist dabei die Rolle des Wissenschaftsmanagers: Er betreibt zwar keine Wissenschaft, erst recht keine „wissenschaftlichen Revolutionen“ im Sinne Kuhns, beeinflusst mittels neoliberaler Gouvernementalitätstechniken jedoch, wie Wissenschaft zu gehen und auszusehen hat. Siehe hierzu umfassend zur Einführung in den postmodernden Wissenschaftsslang: Dzierzbick, Agnieszka; Schirlbauer, Alfred (Hg.), 2004, Pädagogisches Glossar der Gegenwart: Von Autonomie bis Wissensmanagement, Löcker-Verlag. – Siehe weiterhin ebenso erhellend wie kritisch: Binswanger, Mathias, 2010, Sinnlose Wettbewerbe: Warum wir immer mehr Unsinn produzieren, Herder-Verlag.

„Bürgerwissenschaft“ (‚Citizen Science‘) geschieht, wenn und soweit Bürger außerhalb des akademischen Betriebs und i.d.R. ohne institutionelle Anbindung Wissenschaft betreiben und dafür kein existenzsichernden Einkommen beziehen (hat den Charakter von gesellschaftlichem Engagement) – ganz so wie Bürger als Ama-teure auch Politik, Kunst und Religion betreiben. 1. Kommt auf, als a) sich Bürger von der Wissenschaft aufgrund von zu großer Spezialisierung nicht mehr verstanden fühlen und die Befundintegration aus ihrer Sicht zu trivial oder zu wenig informiert geschieht, weil dergleichen innerhalb der Wissenschaft für inopportun gehalten wird (‚Expertenstolz‘) oder die Publikations- und Impact-Factor-Ideologie nur noch 25-seitige Einzelartikel prämiert (‚Schnipselforschung‘, ‚Kleingärtnerei‘)  (typisch für diese Motivation schon Alfred Schütz [1899-1959], zeitgenössisch z.B.: Eckhard Schindler); b) wichtige Erkenntniszweige im wissenschaftspolitischen Mainstream von Technik- und Wachstumsfixierung untergehen (typisch: Forschung an der Postwachstumsgesellschaft und ihren Komponenten). 2. Es ist – besonders unter begabten Nachwuchswissenschaftlern – ein zu beobachtender Trend, dass sich bewusst und strategisch, ganz oder teilweise aus der Universität verabschiedet wird, weil die herrschenden Diskurse in der Universität deren Innovativität untergraben (z. B.: Niko Peach, in den USA z.B.: Nate Silver). Es kommt zum Auszug aus den Institutionen einer Gesellschaft, die aufgrund ihrer perfiden Vermessungs- und Steigerungsorientierung das wesentliche an Wissenschaft nicht mehr wahrzunehmen im Stande ist. Infolgedessen wird das Phänomen als Krisensymptom der Moderne gedeutet. Zu deren Dialektik gehört, dass es von öffentlich-offizieller Seite in Form einer Richtlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert wird. Siehe auch: Wissenschaftler.

Ankommen in der deutschen Lebenswelt

Ankommen in der deutschen Lebenswelt

Migranten-Enkulturation und regionale Resilienz in der Einen Welt – zur heutigen Veröffentlichung der Studie in Berlin

Die Politik der Bundesregierung hat Deutschland vor eine große Herausforderung gestellt. Nicht nur helfen wollten und wollen wir, nicht nur wollten und wollen wir Flüchtlinge zu uns ins Land lassen und hier versorgen, sondern ebenso integrieren wollten und wollen wir.

Was jedoch ist Integration? Pragmatisch lässt sich Integration so verstehen, dass die Gruppe der zu Integrierenden (Flüchtlinge aus Syrien, Gastarbeiter aus der Türkei, Arbeitsmigranten aus Polen oder Spanien) hinsichtlich bestimmter ‚Integrationsfelder‘ (Einkommen, Bildung, Sprache, Überzeugungen, Wertprägung, Delinquenz etc.) in etwa die gleiche Verteilung haben wie die einheimische Bevölkerung. Konkret ist also eine Migrantengruppe wirtschaftlich perfekt integriert, wenn diese Gruppe beim Einkommen die gleiche Spannweite und das gleiche Durchschnittseinkommen aufweist wie die Deutschen. Und bildungsmäßig gut integriert sind die Migranten dann, wenn sie annähernd die gleiche Verteilung bei den Bildungsabschlüssen haben wie die Deutschen. Man ahnt schon: Das sind intergenerationale Projekte, die wir hier anzugehen haben.

Viel wichtiger als diese objektive ist die subjektive Seite der Integration: Dass nämlich die Zuwanderer mit unserer Gesellschaft und ihren Sinn-, Wert-, Norm- und Erfahrungsmustern in Berührung kommen und sie sich diese tatsächlich anverwandeln und mit ihnen identifizieren. Es erscheint sinnvoll, sich dergleichen Aneignungsprozesse von Kultur, wie sie von den Ankommenden zu leisten sind, nicht nur als sehr voraussetzungsreich und störanfällig vorzustellen, sondern sie auch von der Seite der Einheimischen her verstehen zu wollen.

Im Rahmen der von mir gemeinsam mit Matthias Theodor Vogt und Christoph Meißelbach verfassten Studie (unter Mitarbeit der Dresdner Kommilitonen Simon Cremer, Sebastian Trept und Anselm Vogler sowie von Jan Albrecht aus Görlitz) „Ankommen in der deutschen Lebenswelt: Migranten-Enkulturation und regionale Resilienz in der Einen Welt“ wurde untersucht, wie Migranten der deutsche Wertekanon nähergebracht werden kann. Grundsätzlich war unsere – freilich optimistische – Arbeitshypothese nicht ob, sondern wie dies gelingen kann – bei aller gebotenen Vorsicht in Bezug auf die Vorprägung der Migranten.

Es ist darum die deutschlandweit erste Studie entstanden, die Potentiale und Schwierigkeiten der Kulturaneignung im Integrationsprozess untersucht und dabei beide Gruppen in den Blick nimmt: die der Ankommenden und die der Einheimischen. Den Ausgangspunkt der einjährigen Untersuchungen bildeten Interviews mit zwanzig sächsischen Verantwortungsträgern aus Wirtschaft, Politik und Kunst sowie rund zweihundert Polizisten. Die weiteren Analysen zeigten, welch erhebliches Theorie- und Datendefizit für die integrierend wirkenden Kulturaneignungsprozesse vorliegt. Gleichzeitig wurden strukturelle Schwächen des deutschen Staates deutlich. Diese sind in den politischen Verwerfungen der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ sichtbarer geworden und wären nun einer Lösung zuzuführen.

In einer Reihe von Handlungsempfehlungen wird aufgezeigt, wie Integration funktionieren, eine mentale oder räumliche Ghetto-Bildung vermieden und eine höhere Kohäsion der bundesdeutschen Gesellschaft erreicht werden könnte. In der vorliegenden Studie findet der Leser eine Vielzahl von Perspektiven und Argumenten, welche die bisherige Diskussion um Zuwanderung, Kulturaneignung und Integration deutlich erweitern.

In ihrem Geleitwort schreibt Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth: „Es ist das große Verdienst von Matthias Theodor Vogt, Erik Fritzsche und ihren Mitarbeitern, entdeckt zu haben, daß eine […] sinnenbasierte und proaktive Enkulturation nicht nur für das Hineinwachsen in die Herkunftsgesellschaft gilt. Letzteres ist die primäre Enkulturation. Ein ähnliches Hineinwachsen vollzieht sich auch, wenn wir die Heimat verlassen dürfen (oder oft genug auch müssen), wenn wir eine neue Heimat an anderer Stelle errichten. […] Das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen und die Autoren eröffnen mit ihrer Studie Optionen, die mit den geschichtlichen Entwicklungspfaden unseres Landes und unseren gegenwärtigen Handlungsmöglichkeiten zusammengehen.“

Das besondere unserer Studie ist also, dass wir von einem ganz praktischen Erkenntnisinteresse ausgehend (wie einst Aristoteles mit seinem Verfassungsvergleich) zunächst einmal Grundlagentheorie entwickeln mussten (‚Enkulturation‘ von Migranten) und diese sodann mit der Empirie (der Befragten) zusammenzubringen hatten. Wichtig war uns, die Enkulturation und damit eben die emotionalen, vor-bewussten, sinnlichen Kulturaneignungsprozesse in den Blick zu nehmen: Ganz wesentlich ist es unserer Auffassung nach die Kunst, die ein Hinein(er-)leben in eine fremde Kultur und deren Anverwandlung ermöglicht. Dem praktischen Verwertungshorizont der Studie gemäß ergaben sich die folgenden zentralen Handlungsvorschläge.

  • Aus den Interviews und den entsprechenden tatsächlich gelebten Initiativen zur Betreuung und Aufnahme von Flüchtlingen heraus wird deutlich, dass Integration und insbesondere Integration durch Kunst und interkulturelle Begegnung nicht nur möglich ist, sondern bereits in bewundernswerter Weise von unserer Zivilgesellschaft vollzogen wird. Wir haben die Mitochondrien einer gelebten Willkommenskultur und ihre Akteure in den Blick genommen, über die sonst zu wenig geredet wird. Sie ergeben in Summe jedoch ein leistungsfähiges Integrationssystem, das systematisch zu stärken wäre. Wir haben in vielen Interviews mit Stakeholdern von Integrationsprozessen, gerade auch aus Wirtschaft und Verwaltung, gezeigt, dass der europäische Wertekanon nicht nur als wichtig empfunden wird, sondern dass Kunst als ein plausibles Medium der Vermittlung von Werten gesehen wird – und damit en passant einem rein rationalen Integrationsansatz mit Frontalunterricht und Einbürgerungstest eine Absage erteilt. Mittels empirisch-anthropologischer Befunde lässt sich außerdem gut begründen, warum Integration auch ein emotionaler, sinnlicher und vor-bewusster Prozess ist. Darum tut sich ein steriles, weitgehend ritualfreies, eben ein an dichter Repräsentation von Leitvorstellungen armes Gemeinwesen, wie es das Deutsche häufig genug ist, von vornherein sehr schwer, will es die Aneignung unserer Kultur für Ankommende mit etwas Glanz und Gloria attraktiv erscheinen lassen. Pikant: Hier tun sich ungeahnte Allianzen auf, nämlich zwischen einesteils (gemäßigten) Integrationsoptimisten und andernteils überzeugten (und aufgeklärten) Patrioten.
  • Schaffung einer Sächsische Landesausstellung „Innovation und Integration“: Sachsen hat oft und oft mit Innovationen brilliert, die seine Bürger entwickelten. Dies gilt es deutlich zu machen – vor allem, dass dabei Migration kein Ausnahmefall oder gar Ausnahmezustand war, sondern der Regelfall. Zumal Sachsen ist ein Potpourri von in mehreren Jahrhunderten Hinzugekommenen und deren Verschmelzung mit Einheimischen. Das zeigt sich schon am Namen dieses Bundeslandes, der nicht einer eingesessenen ethnisch homogenen Bevölkerung entnommen ist, sondern über Niedersachsen und Sachsen-Anhalt die Elbe aufwärts wanderte. Sachsen im ethnischen Sinn migrierten in das heutige Bundesland nur in äußerst geringer Anzahl; sie waren politisch oder kulturell niemals eine nennenswerte Kraft.
  • Zudem regen wir einen Bundesfreiwilligendienst Integration an, in dem das deutsche Wertesystem nicht nur durch Sprachkurse vermittelt wird, sondern auch durch künstlerische Workshops und Staatsbürgerkundeseminare für Kultur, Geschichte, Gesellschaft sowie das ‚Andocken‘ in die Institutionen der Zivilgesellschaft: durch Mitmachen in einem Sportverein sowie durch Tätigwerden in einer gemeinnützigen Einrichtung. Das ist nämlich genau der Kern unserer Enkulturationsperspektive: Kulturaneignung wird auch bei Erwachsenen – und nicht nur bei Kindern – sinnlich, emotional, vor-bewusst und nicht-reflexiv geleistet.
  • Nötig ist zudem, viel genauere Erkenntnisse über die kulturelle Vorprägung der zu uns Kommenden hinsichtlich nicht nur deren Religion, sondern auch der ethnischen, der (national-) staatlichen und der milieubetreffenden Herkunft zu erarbeiten und diese für die an Integration mitwirkenden Bürger praktisch verwertbar aufzuarbeiten. So kann vielen Vorurteilen ebenso entgegengewirkt werden wie einer integrationspolitischen Naivität. Ziel ist es, genau identifizierbar zu machen, in welchen Bereichen der konkrete Migrant uns kulturell tatsächlich nah oder fern ist. Erst dies macht möglich, die Länge des Weges zueinander realistisch und jenseits von ‚falschem Bewusstsein‘ zu ermessen. Integration braucht mehr denn je Ideologiekritik: und zwar an beiden Enden des politischen Spektrums! – Integrieren durch differenzieren heißt unser Motto an dieser Stelle.
  • Schließlich haben wir das Träumen nicht verlernt: Wir wünschen uns eine Eine-Welt-Universität, bei der Deutsche und Menschen aus der ganzen Welt zu gleichen Anteilen ‚Weltprobleme‘ studieren und erforschen. Dabei ist Leitgedanke, eine praktische, nämlich Probleme nachhaltig zu lösende Lehr- und Forschungseinrichtung bester humboldt’scher Tradition zu errichten. Hinsichtlich praktischer Probleme, auch das zeigt das Problemfeld Migration und Integration, ist es nämlich falsch zu meinen, es ließen sich alle Probleme mit Technik- und Naturwissenschaften lösen. Diese – zumal in Sachsen weit verbreitete – ‚MINT-Ideologie‘ ignoriert, dass Migrationsdrücke nicht einfach nur durch technisch versierte Zäune abzuwehren, sondern auch durch den Aufbau von möglichst guter Staatlichkeit abzumildern sind. Konzepte hierfür zu liefern, ist eine genuin sozial- und geisteswissenschaftliche Aufgabe. Welcher Maschinenbauer könnte eine „gute“ Kulturpolitik, welcher Informatiker ein Integration förderndes Schulsystem erarbeiten? Das Relevanzproblem der Sozial- und Geisteswissenschaften ist – wie nicht nur dieses Beispiel zeigt –im 21. Jahrhundert darum im Grunde gelöst, und zwar in dem Maße wie wir von dem Traum erwachen, das Ende der Geschichte wäre in ewiger europäischer Glückseligkeit erreicht: Wer die naturwissenschaftliche Technik maximiert und dabei die sozialtechnologische Seite vernachlässigt, landet auch im 21. Jahrhundert in einem Infantilismus, einer Form politischer Naivität, wie sie in der Flüchtlingskrise in allen politischen Lagern vom linken Multikulti bis zu rechter und rechtsextremer Abschottung sicht- und spürbar wurde. Eine Eine-Welt-Universität verspricht darum, ein hochinnovativer Ort der gemeinsamen Suche nach funktionstüchtigen und humanen politischen Ordnungen für das 21. Jahrhundert zu sein: vor allem für Regionen außerhalb Europas, aber auch für unsere Heimat!

Das alles wird sich, wie wir meinen, mit einem vergleichsweise geringen Betrag, aber mit einem doch vielversprechenden Ertrag leisten lassen. Darum verstehen wir uns als Autoren dieser Studie als im besten Sinne unserer Kulturgeschichte ‚deutsche Europäer‘: nämlich als jene, die politische Zielstellungen im Dienste der Humanität anstreben, die in Barmherzigkeit helfen wollen und dabei die Kunst des Möglichen zu betreiben suchen – damit wir nicht nur eine friedlichere Welt bekommen, sondern auch das Vehikel unserer Identität, unser Europa, erhalten und verbessern.


Die Studie wird heute, am 6. Oktober 2016, um 15 Uhr in Berlin, Café Einstein, Unter den Linden 42, von Rita Süssmuth, Olaf Zimmermann und Prof. Matthias Theodor Vogt vorgestellt.

Die Studie erscheint parallel als Doppelband 1-2 2016 des Europäischen Journals für Minderheitenfragen und als Buch im Berliner Wissenschaftsverlag. Die vollständige bibliographische Angabe zur Monographie der Studie lautet:

Matthias Theodor Vogt, Erik Fritzsche, Christoph Meißelbach (unter Mitarbeit von Sebastian Trept, Anselm Vogler, Simon Cremer, Jan Albrecht, mit Beiträgen von Siegfried Deinege, Werner J. Patzelt, Anton Sterbling und zahlreichen Verantwortungsträgern aus Wirtschaft, Politik und Kultur, Geleitwort von Rita Süssmuth und Nachwort von Olaf Zimmermann): Ankommen in der deutschen Lebenswelt. Migranten-Enkulturation und regionale Resilienz in der Einen Welt, Europäisches Journal für Minderheitenfragen Vol. 9 No. 1-2 2016 & zugleich: Berliner Wissenschafts-Verlag 2016, 526 S., 72 s/w Abb., 1 farb. Abb., kart., 78,10 €, ISBN: 978-3-8305-3716-8 E-Book-PDF: 78,10 €, ISBN: 978-3-8305-2975-0; ISSN Print: 1865-1089, ISSN Online: 1865-1097.

Drei Inspirationen zum (studentischen) Müßiggang!

Drei Inspirationen zum (studentischen) Müßiggang!

Hinsichtlich meiner 10 Regeln für die Semesterferien und meiner 10 Regeln für das Semester, jeweils im Wesentlichen ein Regularium des Unterlassens für mehr Muße, stelle ich hier weitere Anregung online. Dies nicht zuletzt auch aufgrund der vielen positiven Resonanz, die ich auf meine insgesamt 20 Regeln vernehmen durfte.

Stephan Grünewald, seines Zeichens ein Psychologe, der Deutschland auf die Couch bittet, und Autor von „Die erschöpften Gesellschaft“, sinniert in der FAZ über die schroffe Grenze zwischen nächtlichem Schlafträumen und täglichem Effizienzmodus: „Träume sind eine ständige Provokation unseres Status quo. Der Traum legt immer auch den Finger in die Tageswunde, er hat eine Doppelfunktion: Er ist ein produktiver Lebensgestalter, der andere Aspekte in den Blick rücken kann, aber auch ein Störenfried, der uns aus der Routine zu vertreiben sucht. Und da wir momentan im Autopilot sind, ist der Traum eine Art Spielverderber, der uns dazu veranlassen will, nach links und rechts zu gucken. Das führt zu einer verdeckten Traumfeindlichkeit. Wir träumen zwar weiter, schenken unseren Träumen im Alltag aber wenig Beachtung. Wenn wir aufwachen, sind wir direkt wieder im Effizienzmodus.“ Und schließlich: „Schule und Studium sind doch auch dafür da, eigene Träume entwickeln zu können.“ (Nebenbemerkung: Eine Urlaubslektüre von mir befasste sich mit Innovationen. Merke: Innovationen sind zwingend Produkte mußischen Träumens – nicht nur, aber auch!)

Hartmut Rosa, Soziologieprofessor in Jena, ist Experte für Weltbeziehungen, hat gerade die Soziologie des gelingenden Lebens gegründet. Er hat dazu das Buch zu „Resonanz“ geschrieben. Er beobachtet ganz Ähnliches wie ich auch, freilich eloquenter und wesentlich belesener. Im ZEIT-Campus spricht er vom Panzer auf der Brust der Studenten – und mir aus dem Herzen: „ZEIT Campus Online: Die Universität als Ort der Kontemplation und des Innehaltens. Ist das eine zutiefst kitschige, überholte Vorstellung? Rosa: Nein, Universitäten sind Reflexionsinstanzen der Gesellschaft. Die Atemlosigkeit des wissenschaftlichen Betriebs existiert und betrifft Studierende und Lehrende. Ich denke, eine Gesellschaft, die glaubt, sich so eine Reflexionsinstanz nicht mehr leisten zu müssen, ist dem Untergang geweiht. Menschliche Lebensformen kennzeichnen sich auch dadurch, dass sie sich reflexiv weiterentwickeln, durch die Art und Weise, wie sie sich selbst interpretieren und verstehen. Und das erfordert eine gewisse Distanz zum operativen Geschehen.“

Daniel Hornuff, Vertretungsprofessor für Kunstwissenschaft in Karlsruhe, arbeitet sich am Dasein als Design ab (erschienen im Deutschlandfunk), und stellt fest: „Dass Verzicht zum Gelingen beitragen kann, ist, ganz allgemein betrachtet, eine der stabilsten Formeln der Geistes- und Ideengeschichte – und nicht zuletzt ein Allgemeinplatz der Alltagskonversation. Zudem ist er tief mit dem modernen Design und seiner Geschichte verbunden; freilich nicht mit dem Selbstdesign, wohl aber mit dem Produktdesign. So ging es beispielsweise unter dem Stichwort der ‚Guten Form‘ seit den späten 1950er-Jahren darum, das deutsche Produktdesign von zu viel Schnickschnack und Brimborium zu befreien. Durch eine Konzentration der Gestaltung auf Funktion und Gebrauchstüchtigkeit sollte der Umgang mit den Dingen wieder bewusster erlebbar werden. Mit ‚less is more‘, weniger ist mehr, schwor Mies van der Rohe bereits in den 1920er-Jahren die Architektur auf Minimalismus ein. Schon damals war es das Ziel, durch entschlackte Formen den guten Geschmack zu schulen. Entsprechend ging es auch dem begrifflichen Urheber der ‚Guten Form‘, dem Schweizer Künstler und Designer Max Bill, darum, das gute Leben durch die Gestaltung von Alltagsdingen zu initiieren.“ – Merke: Was ich fordere, nämlich im Wesentlichen von dem „Schnickschnack und Brimborium“ abzurüsten, der uns Kirre macht und unsere Studier- und Wissenschaftsfähigkeit, ja unsere Selbstbildungsprozesse systematisch unterminiert, ist eine „der stabilsten Formeln der Geistes- und Ideengeschichte“.

Bildnachweis: Farnsworth House von Ludwig Mies van der Rohe, erbaut 1950/51 (This image was originally posted to Flickr by Atelier FLIR at http://flickr.com/photos/11381771@N04/3890047886. It was reviewed on 21 May 2010 by the FlickreviewR robot and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-2.0.)

Liebe Studenten, zehn Regeln für Eure Semester!

Liebe Studenten, zehn Regeln für Eure Semester!

Achtung: keine Ironie! – Im Gegensatz zu meinen Regeln für die Semesterferien schreibe ich hier Tacheles, um in jedem Fall richtig verstanden zu werden. Das ist wichtig, denn ich meine es unbedingt ernst mit dem, was ich hier vorbringe. Wer diese zehn Regeln befolgt, wird so zielgerichtet wie entspannt das Semester absolvieren und hat gute Chancen, für sich fruchtbare Bildungsprozesse zu durchlaufen!

  1. Besucht keine Kurse irgendwelcher selbsternannter Bewerbungsprofis oder Soft-Skill-Trainer! Lest auch keine diesbezüglichen Bücher! Am besten generell nicht, erst recht aber nicht im Semester. Das gilt besonders für Kurse, die „Präsentationen“ lehren, Texte schreiben, Konflikte bewältigen oder den eigenen Namen zu tanzen! Das lernt ihr, sofern nötig, alles im Seminar. Warum die TU Dresden, die Global Player sein will, sich einen ‚Career Service‘ leistet, wenn sie nur eine halbe (!) Stelle EDV-Administration für die gesamte (!) Philosophische Fakultät zur Verfügung stellt, weiß kein Mensch. Jede privatwirtschaftliche Hinterhofklitsche setzt die Prioritäten besser. Mein Tipp für das Bewerbungsgespräch, wenn gefragt wird, was ihr außer dem Studium noch gemacht habt: in Erinnerung rufen, welchen Wert die hier folgenden Regeln neun und zehn haben – und was der Fragende eigentlich neben seinem Studium gemacht hat … Fliegt ihr nach dieser Frage raus, wolltet ihr dort sowieso nicht arbeiten. Ihr habt schließlich nur eine Unverschämtheit mit einer Unverschämtheit beantwortet.
  2. Geht nur arbeiten, wenn ihr das Geld braucht! Alles andere ist dämlich – im Grunde gilt dies ganz allgemein! Arbeiten zieht Ressourcen für ein wertvolles und freudiges Semester ab, die unwiederbringlich verloren sind und niemals zurückgekauft werden können. Jedes Semester, das ihr in jungen Jahren an einer deutschen (!) Universität verbringt, ist unbezahlbar. Das meine ich bei allen Mängeln, die mir wohlbewusst sind, völlig ironiefrei: In Deutschland gibt es anerkanntermaßen eine sehr gute Ausbildung für einen unschlagbar günstigen Preis. Wer recht hinsieht, erkennt, dass – ich gehe jede Wette ein – heute jede erfolgreiche Universität in der Welt bei den Deutschen viel gelernt und von diesen übertragen hat.
  3. Macht im Semester vor allem keine Arbeit, nur um dadurch Berufserfahrung zu bekommen – es sei denn, ihr braucht das Geld! Studieren ist erst einmal mehr wert als schnöde Praxis. Wer studiert, begegnet der größten Herausforderung überhaupt: dem Denken! Und wer denkt, dem fällt – fast immer – auch etwas ein, wenn er mit seiner Not umzugehen hat. Das ist die ultimative Versicherung gegen den angeblichen Verlust der Arbeitsfähigkeit durch mangelnde Praxis. Diesbezüglich wird häufig ein Popanz aufgebaut: Erst wird der Jugend eingeredet, Arbeitsplätze seien rar (was nicht stimmt), dann wird ihr schlecht bezahlte Arbeit angeboten, die angeblich Praxiserfahrung bringt (was meist auch nicht stimmt – sich immer jedoch erst nach der Arbeit und der Inempfangnahme des Lohnzettels feststellen lässt). Kommt lieber in die Seminare! Das ist mehr wert. Tipp: Ein Praktikum pro Studiengang (Bachelor- oder Masterstudiengang) reicht völlig aus. Wer ohnehin weiß, dass er einen Master machen will, muss (!) im Bachelor noch gar kein Praktikum machen. Er kann dort jedoch das Auslandssemester unterbringen: es sei denn, der Master wird im Ausland gemacht. Ein Auslandsaufenthalt ist in aller Regel – im gesamten Studium – ausreichend. Zu beachten sind jedoch meine zehn Regeln für die Semesterferien!
  4. Wenn ihr wirklich Geld braucht, macht (auch) Arbeit in den ‚Maschinenräumen der Gesellschaft‘! Am besten im Supermarkt, an der Tankstelle, beim Autowaschservice, als Aushilfe in einer Großküche, am Band. Warum? Erstens, weil ihr so schätzen werdet, warum ihr studiert. Zweitens, weil das mehr von der gesellschaftlichen Wirklichkeit vermittelt als das Studenten- und Akademikerleben. Die Mehrheit der Gesellschaft besteht nicht aus Akademikern. Dergleichen Arbeitsverhältnisse schaffen folglich ein paar hübsche analytische Einsichten. Drittens: Man kann bei sowas herrlich abschalten und kommt auf ganz andere Gedanken. Viertens: So viele einfache und nette Leute könnt ihr in eurem Leben nie wieder kennenlernen! Fünftens: Die Blödmänner und Charakterschweine, die ihr dabei trefft, sind eine viel bessere Lehre fürs Leben als die Kurse der Soft-Skill-Mafia. Sechstens: Manchmal macht ihr Dinge einfach, weil sie „Kohle bringen“. Fertig! Big News: Es ist ein Traum, der zerplatzen wird, stets einen Job zu haben, bei dem man durchweg glücklich und zufrieden ist. Akzeptieren! Siebentens: Schinderei macht hart! Wenn ihr für sechs Euro die Stunde ein halbes Jahr in der Nachtschicht die Zuckerfüllung zwischen die Kekse gepresst habt: Was glaubt ihr, wie ihr danach gegenüber einem Personaler reagieren werdet, der die Augenbraue hochzieht, weil ihr angeblich zu ‚inaktiv‘ wart? Richtig: Ihr gebt ihm das, was er verdient, und zwar richtig!
  5. Macht kein gesellschaftliches Engagement, das ihr nicht mögt! Muss ich das ausführen? Oben habe ich Personaler kritisiert, nun lobe ich sie. Denn zurecht merken nicht nur Personaler, sondern wir alle, ob jemand nur Selbstdarstellung und Effekthascherei betreibt oder wirklich, wirklich, wirklich für eine Sache brennt. Wer sich für hungernde Kinder in Afrika engagiert, ohne dafür zu brennen, sollte es lassen.
  6. Engagiert euch maximal (!) auf einem Feld, in einer Sache ehrenamtlich – und das nur, wenn es die Ausübung von Regel neun und zehn ermöglicht. Wenn ihr das nicht schafft, steht dazu: Sagt, dass ihr zu mehr nicht gekommen seid, weil euch Studium und Studentenszene so fasziniert oder beansprucht haben! Das ist völlig in Ordnung! Und auch wenn uns die Begabtenförderungswerke anderes suggerieren, haben sie an der Stelle unrecht: Die Studienzeit ist eine ‚Rüst-Zeit‘. Wer sich gut rüstet, kann später noch die Welt retten und muss damit nicht schon in den Windeln beginnen. Merke: Wer hier schon, beim Start des ‚Lebensmarathons‘, ausbrennt, dem wird das nicht gedankt, sondern vorgeworfen!
  7. Kauft keine dieser Universitäts- und Studentenjournale der großen Tageszeitungen: Das macht kirre. Lest überhaupt keine Karriereratschläge! Die Leute, die meinen, sie wüssten, wie Karrieren heute funktionieren, überschätzen ihre Kompetenzen – und zwar erheblich. Denn darüber Verlässliches zu wissen, ist wegen der vielen Faktoren, die einem dabei in die Quere kommen können (Branchen, Alter, Qualifikation, Wirtschaftsflauten, Innovationen etc.), ziemlich voraussetzungsreich. Das Wenige, was über gute Karrieren – das heißt zumindest nicht übermäßig unglücklich machende – gewusst wird, vermitteln meine Ratschläge neun und zehn. Diese sind jahrtausendelang bewährt. Alles andere: beiseitelassen! Wer verdient beim Goldrausch schließlich mehr: die Goldsucher oder die Schaufelverkäufer? (Ahnung vom Gold haben ja beide nicht!)
  8. Schafft Refugien – gerade auch im Semester! Muße & Gelassenheit – mein Motto für die Semesterferien ist – mutatis mutandis – auch im Semester gut. Theaterbesuch, Wanderung ins Grüne, Städtereise, Badbesuch, Romanlektüre, Rock-Konzert – das alles tut nachweislich der Seele gut. Macht das – und zwar ohne schlechtes Gewissen. Nun aber: die Regeln neun und zehn.
  9. Feiert, trinkt Bier! Das meine ich ernst – wie alles hier Geschriebene! Studien zeigen verlässlich, dass Karriereerfolg mit dem Konsum von Bier einhergeht. Warum? Weil in unserer Welt keineswegs Kompetenz zählt, auch nicht, „einen guten Eindruck zu machen“, gut kalkulieren zu können, kreativ zu sein, was auch immer. Das alles ist gut, mitunter auch notwendig, reicht jedoch nicht hin. Niemals! Bei weitem am wichtigsten ist es tatsächlich, mit den richtigen Leuten Bier trinken zu gehen. So wurden und werden nicht nur Universitäten, sondern ganze politische Systeme (und zwar nicht nur das der DDR) zusammengehalten. Das war schon immer so. Die Rauschmittel variieren nach Zeit und Kultur: Sie müssen stets stark genug sein, um die Gesprächsatmosphäre aufzulockern, dürfen jedoch nicht zu stark sein, um Kommunikation unmöglich zu machen. Entsprechendes gilt für die eigenen Kompetenzen im Umgang mit Rauschmitteln: Wer zu stoned oder zu besoffen ist, wenn der Deal gemacht wird, geht leer aus, weil er am nächsten Tag den vereinbarten Scheck nicht abholt! Deswegen steht auf jedem englischen Bier: Drink responsibly! Also unbedingt der Rat: trinkt, quatscht, feiert, philosophiert und dilettiert freudig, wann immer es sich ergibt! Wer das nicht macht, lebt nicht, und wer nicht lebt, braucht auch nicht studieren. Wozu schließlich? (Noch ein Grund übrigens, auf Soft-Skill-Kurse zu verzichten: Das Lebensnotwendige lernt man beim Plaudern, Zoffen und Flirten in der Kneipe. Das ist in der Regel recht günstig, macht Spaß, geht auch mal daneben – aber wenn’s schiefgeht, ist der Zapfhahn eben nicht weit!)
  10. Letztlich: Studiert! Das bedeutet: Beschäftigt Euch intensiv mit dem Curriculum Eures Semesters! Das ist – leider muss man daran erinnern – eure Hauptbeschäftigung laut Lebenslauf, und zwar zu fast 100 Prozent! In den Sozialwissenschaften bedeutet dies vor allem: Lest endlich (wieder) die (Pflicht-)Texte! Denn nur selbst lesen macht klug. Nur die eigene Anverwandlung des Stoffes, wie sie insbesondere beim Lesen schwieriger (!) Texte, besser: ganzer Bücher (und das heißt: geschlossener Gedankengänge), geschieht, schreibt sich tief in unseren Geist ein: Es bildet im eigentlichen Wortsinn! Beeindruckt die Dozenten mit Konzentration, mit Vor- und Nachbearbeitung der Kurse, bringt die Dozenten zum Glühen, fragt sie, bis ihnen schwindelig wird! Denn Dozenten sind keine Lehrer! Sie sind nur ‚Studenten‘ höherer Semester, die lernen wollen, indem sie lehren. Wer Dozenten unterfordert und sie nicht „reizt“, der bringt sie – recht besehen – um ihre Trainingseinheiten. Wer in diesem Sinne ernsthaft studiert, wird schnell merken, dass er für den anderen Firlefanz, von dem ich in den Regeln eins bis sieben abrate, sowieso weder Zeit noch Muße hat. Im Übrigen ist klar, das wusste schon der bier- und weinselige, nichtsdestoweniger hochgebildete Goethe: Im Atemholen sind zweierlei Gnaden / Die Luft einziehen, sich ihrer entladen; / jenes bedrängt, dieses erfrischt; / so wunderbar ist das Leben gemischt. Soll heißen: Das Changieren zwischen der Befolgung von Ratschlag acht, neun und zehn macht ein (Sommer-) Semester lebens- und lohnenswert! Alles andere ist tatsächlich nichts als Ideologie – nämlich falsches Bewusstsein darüber, was Bildung wirklich heißt und wie sie erlangt wird.

Inoffizieller Ratschlag elf: Nehmt das alles nicht so ernst. Abweichungen sind sinnvoll und richtig, vor allem, wenn sie innerlich motiviert sind. Aber: Es ist unbedingt darauf zu achten, dass wenigstens innerhalb des Semesters, besser auch in der vorlesungsfreien Zeit das Standbein der studentischen Existenz die Befolgung der Regeln neun und zehn darstellen!

Beachte: Im Gegensatz zu selbsternannten Karriereratgebern und Autoren von Lebenshilfe- und Glücksbüchern sind sieben der zehn Regeln Unterlassungsregeln. Es nützt nämlich gar nix, wenn euch allenthalben aufgetischt wird, was ihr zu tun hättet, wenn nicht gleichzeitig klargemacht wird, was ihr besser lasst. Denn unstrittig ist: Der Tag hat 24 Stunden – zu allen Zeiten! Reduziert also den Müll und: studiert! Weniger Firlefanz ist mehr, und viel weniger von diesem Quatsch ist viel mehr!

Warum schreibe ich das? Weil wir als Dozenten leider immer wieder feststellen, dass unsere Seminare schwermütiger und angestemmter, ja stummer sind als die Köpfe in unseren Seminaren vermuten lassen. Was Bildungserfahrungen im Seminar betrifft, sind wir sehr häufig Underperformer. Denn wir registrieren: Die Studenten sind zwar da, viele sind auch gut, doch sie studieren gar nicht. Nicht im eigentlichen, im ursprünglichen Sinne. Das ist nicht nur schade, es ist tragisch, weil damit einem tollen Lebensabschnitt das Wahre, Schöne, Gute genommen wird! (Es ist tatsächlich ‚tragisch‘ im antiken Wortsinn: Indem nämlich durch diese unseligen Unternehmungen, die zu reduzieren die Regeln eins bis sieben empfehlen, nach Bildung gestrebt wird, wird sie eben gerade verhindert!)

Das alles sind keine exklusiven Fritzsche-Weisheiten, das ist keine Predigt eines selbsternannten Gurus, sondern es sind dies empirische Tatsachen, wie sie sich aus vielen Biographien von historischen Persönlichkeiten und denen unserer Eltern, Großeltern, Professoren und Dozenten ablesen lassen. Überprüft selbst und fragt nach Studien- und Lehrlingserfahrungen der Älteren! Die Zeiten haben sich nicht geändert, denn wir Menschen sind die gleichen! Hektik und Überfüllung unterdrückt Bildung.

Empfehlung für weiterführende Ratgeberliteratur: keine!

“Wie würde es sich anfühlen, wenn Sie mit einem Schlag jede Verbesserung Ihres Charakters, Ihrer Situation, Ihrer Ehe, Ihrer Kinder, Ihrer Freundschaften bleiben lassen könnten? Wäre das nicht ein Zustand, den man mit Fug und Recht als Freiheit bezeichnen könnte?” ― Rebecca Niazi-Shahabi (aus „Ich bleib so scheiße, wie ich bin“)